Auszug aus "Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts"

Auszug aus “Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts”
von Edward J. Prett:

Henry Laval war sich bewusst, dass seine rechte Hand zitterte, als er das Gesicht der jungen Schönheit mit einer Schicht fein parfümierter Creme versah. Sibyl Narborough war für den Wachskünstler die perfekte Verkörperung der Herzogin von Malfi, wie sie John Webster in seinem Drama für die Bühne porträtiert hatte. Monsieur Laval hatte die Schauspielerin auf der Bühne des Drury Lane Theaters erlebt. Ihre Darstellung des Todes der unglücklichen Herzogin hatte ihn im Zentrum seines Wesens berührt, ja erschüttert, sodass er nicht geruht hatte, bis sie sich bereit erklärte, Modell für die Figur der Herzogin von Malfi zu stehen.
Die Szene der Hinrichtung hatte sein Leben verändert. In dem Moment, als der Henker der Herzogin den Strick um den Hals legte, um sie zu Tode zu würgen, und Sibyl Narborough mit vor Todesangst weit aufgerissenen blauen Augen, die ihn an die Fluten des Seine-Flusses seiner Kindheit erinnerten, in seine eigenen Augen blickte, war ihm klar geworden, was er eigentlich wollte, was er in vielen verwirrten Träumen erlebt hatte: Er wollte nicht mehr leblose Wachspuppen für sein Museum fertigen, sondern Leben und Sterben in entscheidenden Momenten einfangen, seinen Figuren Dramatik und Seele einhauchen.
Henry Laval erinnerte sich der letzten Worte der Herzogin, bevor der Henker sie tötete:
Zieh fest, mit aller Kraft, und zieh damit
den Himmel aus der Höh’ auf mich herab.
Doch warte einen Augenblick! Ist nicht
das Himmelstor so niedrig, dass man nur
es kniend im Gebet durchqueren kann?
An diesem Punkt des Stücks hatte sich die Schauspielerin vor das Publikum hingekniet, den Strick des hinter ihr stehenden Henkers um den schmalen Hals.
Nun komm, gewalt’ger Tod, lass mich nicht warten.
Geleite mich wie Alraun in den Schlaf.
Und dann der große Moment, der für Monsieur Laval einen Liebesakt darstellte, den er selbst wegen seiner körperlichen Verunstaltung nie erlebt hatte. Voll männlicher Kraft zog der Henker am Strick, die Herzogin streckte dem Publikum die Hände entgegen, als wollte sie sich mit ihm vereinen, und glitt entseelt zu Boden.

Henry Laval bemerkte den wohligen Schauder, der durch den Körper der Schauspielerin lief, als er ihren Hals eincremte. Sie wehrte sich auch nicht gegen den blauen Seidenschal, der mit der Farbe ihrer Augen harmonierte und den er mit einem so kräftigen Ruck über ihrem schmalen Hals zusammenzog, dass sie, bevor sie das Bewusstsein verlor, einen Schrei des Erstaunens ausstieß.
Er drückte einen sanften Kuss auf ihre leicht geöffneten Lippen, denen keine Atemluft mehr entwich. Der Ausdruck des Gesichts der Herzogin von Malfi war perfekt. Es zeigte Überraschung, Angst, aber auch Ekstase. Als ob sie ihren Tod als letzten, extremen Liebesakt empfunden hätte.
Jetzt musste Monsieur Laval rasch handeln, ihren noch biegsamen Körper entkleiden, ihn mit der Salbe versehen, die der Haut den erwünschten Seidenschimmer schenkte, bevor mehrere Schichten warmen Wachses der Figur Haltbarkeit und Dauer verliehen. In einem halben Jahr, wenn er zügig arbeitete, würde die Szene, welche die Hinrichtung der Herzogin von Malfi nachstellte, zur Hauptattraktion seines Wachsmuseums werden.
Er schälte die Wachsmaske von seinem Gesicht, um bei der heiklen Arbeit nicht behindert zu werden, und erschrak wie so oft, wenn er beim Reinigen der Hände im Spiegel sein von heißem Wachs versengtes Gesicht sah. Er hatte den Unfall, der ihn zu einem Monster werden ließ, jahrelang beklagt, hatte sich töten wollen, empfand nun aber seine Auswirkungen als Segen. Der Verlust äußerer Attraktivität hatte es ihm ermöglicht, sich völlig auf die Kunst, auf seine Arbeit zu konzentrieren und die Technik der Herstellung von Wachsfiguren so sehr zu verfeinern, dass ganz London in sein Wachsmuseum strömte und Zeitungen in Tönen höchsten Lobes über jede neue Attraktion schrieben.
Wie froh, wie glücklich war Henry Laval, dass ihm nun der endgültige Durchbruch zur Spitze seiner Zunft gelungen war.

Auszug aus "Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts"

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